k FrankundJoergErnüchterung bei der JSG H2 Hille-Hartum. Die Kooperation mit der JSG NSM-Nettelstedt trägt keine Früchte. Im Gegenteil: „Wir bluten aus“, sagt Frank Grannemann und übt mit Jörg Eichmeyer Kritik.

Hille (mt). Im Bestreben, der Jugendhandballspielgemeinschaft H2 Hille-Hartum eine Perspektive zu verschaffen – und den Senioren-Handballern der beiden Stammvereine gleich mit –, haben Frank Grannemann und Jörg Eichmeyer einst den Zusammenschluss mit einem starken Partner gesucht. Seit dem Jahr 2015 kooperiert H2 Hille-Hartum mit der JSG NSMNettelstedt. Nun haben die beiden Männer in ihrer Analyse ernüchtert festgestellt: Der Erfolg ist ausgeblieben. Weniger als das. Die angestrebte Win-Win-Situation hat sich in eine Win-Lose-Lage verkehrt. „Wir geben mehr, als wir bekommen“, beschreibt Grannemann die Entwicklung. Nun zieht der 50-Jährige gemeinsam mit Eichmeyer einen Schlussstrich. Sie verkünden das Ende der Kooperation von H2 Hille-Hartum mit der JSG NSM-Nettelstedt. Handball ist für die beiden Ehrenämtler mehr als ein Hobby. Es ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Grannemann ist als stellvertretender Vorsitzender des TV Hille aktiv, als Jugendtrainer und als stellvertretender Leiter der JSG. Eichmeyer kümmert sich beim TuS Hartum als Abteilungsleiter um den Handball und wirkt bei der Spielgemeinschaft H2 als stellvertretender Jugendwart. Sie schoben die 2015 gegründete JSG maßgeblich auf den Weg der Kooperation mit dem starken Partner aus Nordhemmern. Besonders talentierte Spieler aus Hille und Hartum sollten so den Weg in den Leistungshandball nutzen können. Im Gegenzug sollten weniger leistungsstarke Jugendliche von NSMNettelstedt bei H2 spielen und für stabil aufgestellte Kader sorgen.


„Wir hatten damals einige Jahre verpennt“, gibt Grannemann selbstkritisch zu. Zunächst hatte der TV Hille daher 2014 eine Saison mit NSM-Nettelstedt kooperiert, ein Jahr später schlossen sich erst Hille und Hartum in der Jugendarbeit zusammen und gingen dann die Partnerschaft mit der großen Hiller JSG ein, die mit einigen Teams in der westfälischen Spitze mitmischt und mit der A-Jugend sogar in der Bundesliga spielt. Die Ziele in Hille und Hartum waren klar gefasst: Den Jugendspielbetrieb erhalten und zugleich Nachwuchs für die Senioren erzeugen. „Partnerschaftliches Handeln und gegenseitige Unterstützung“ nannte man als Maxime auch in Nordhemmern, wo man H2 damals als „wichtigen strategischen Partner“ beschrieb. „Wir haben auch etwas erreicht“, sagt Grannemann über die vergangenen Jahre und verweist auf die Kreismeisterschaften und Pokalsiege der E-Mädchen oder auf ein starkes Jungenteam, das als C-Jugend in der Oberliga und als B-Jugend in der Verbandsliga spielte. Doch richtig in Schwung gekommen sei das Gesamtprojekt nie. Zu selten hätten Spieler den Weg von Nordhemmern zurück zum kleinen Partner H2 wählen wollen. Die Spieler wollten einfach nicht „rübergeschoben“ werden, jedenfalls „nicht nach unten“, sagt Eichmeyer und stellt fest: „Wer erst mal bei NSM-Nettelstedt spielt, kommt nicht so leicht zurück.“

Nun brachte die neuste Entwicklung das Fass zum Überlaufen. Ausgerechnet aus dem in C- und B-Jungen erfolgreichen H2-Team wurden mehrere Spieler von NSM-Nettelstedt angesprochen und zum Wechseln animiert. Auf acht Talente beziffert Grannemann die Zahl. „Letztes Jahr in der A-Jugend haben sie uns bereits hängen lassen“, kritisiert er die NSM-N-Führung. Man habe schlicht sechs Namen von Spielern erhalten. Die wichtige Ansprache für den Wechsel zu H2 sei dann allein Sache von Grannemann und Eichmeyer gewesen. „Einer ist gekommen, vier haben mit dem Handball aufgehört – auch weil sie von NSM-Nettelstedt enttäuscht waren wegen nicht eingehaltener Versprechen“, behauptet Grannemann, der Unterstützung vermisst hat. Zudem ärgert ihn: „Jeder Jugendliche, der mit dem Handballspielen aufhört, ist einer zuviel.“

Nun folgte mit der Wechselanfrage für weitere Spieler der nächste Nackenschlag. „Back to the Roots“ habe NSM-Nettelstedt die „Rückholaktion“ betitelt. Schließlich handelt es sich auch um Jugendliche, die einst bei NSM-Nettelstedt gespielt haben. Aber in C- und B-Jugend hätten genau diese Talente bei H2 den Stamm für den Kader gebildet. „Wir haben auf sie gebaut“, sagt Grannemann. Nun seien fünf der acht zum leistungsorientierten Ex-Partner gewechselt. Die beiden Männer fühlen sich und ihre Jugendabteilung ausgenutzt. NSM-Nettelstedt habe die Spieler bei H2 geparkt und nun passend zurückgeholt. „Für NSM-Nettelstedt ist das eine gute Situation. Für uns nicht“, sagt Grannemann: „Wir bluten aus.“ Nur mit Mühe sei es nun gelungen, eine A-Jungen-Mannschaft zu bilden. Bei den B-Jungen sei man „nicht spielfähig“. NSM-Nettelstedt plane hingegen eine dritte B-Jungen-Mannschaft, so Grannemann. Die anderen H2-Teams (C- Jungen sowie A-, B- und C-Mädchen) seien „gerade noch so voll“. Daher stellen Grannemann und Eichmeyer nun fest: Das von ihnen gegen viele Widerstände immer verteidigte Kooperationsprojekt ist gescheitert.

Sie schieben allerdings ausdrücklich nicht alle Schuld für die eigenen Probleme auf den bisherigen Partner. Sie wissen, dass die kleinen Vereine auch viele Dinge in der Jugendarbeit unterschätzt haben. Grannemann listet Problemfelder auf: Identifikation mit dem Heimatverein, Individualisierung in der Freizeitgestaltung, im Vordergrund stehende eigene Interessen, fehlende Verantwortung gegenüber dem Team oder Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. „Diese Probleme haben andere Vereine auch“, sagt Eichmeyer. Der Blick auf die Senioren spiegelt die Ergebnisse der Jugendarbeit: Die Männer des TuS Hartum spielen in der Kreisliga, die Männer des TV Hille stehen vor dem Abstieg aus der Landes- in die Bezirksliga. Sportlich dünn. Da ist so manches selbst gemacht. Doch der Hartumer sieht die starken Klubs und Spielgemeinschaften durchaus in der Pflicht: „Die müssen auch dafür sorgen, dass die kleinen Vereine am Leben bleiben“, sagt Eichmeyer und stellt eine ganz generelle Frage: „Wenn die kleinen Vereine kaputt sind: Wo kommen denn dann noch Aktive her?“

Nun wollen es die Handballer aus Hille und Hartum wieder eigenständig versuchen. „Es ist doch egal, ob Landesliga oder Bezirksliga. Wichtig ist, dass wir überhaupt Handball anbieten“, beschreibt Grannemann die Basisaufgabe eines kleinen Klubs wie des TV Hille, der sich nach ruhmreichen Jahrzehnten an der Spitze der Nahrungskette der handballverrückten Gemeinde auf dem Lorbeer ausgeruht hat und nun zwischen Klubs wie Lit Tribe Germania auf der einen und dem erfolgreichen Fußballprojekt des SC Hille auf der anderen Seite zerrieben wird. Gleichwohl betont Grannemann, dass die Zusammenarbeit mit den Nachbarn des SC sehr gut funktioniert. Es bestehe ein harmonisches Verhältnis, man organisiert ein gemeinsames Sportfest.

Eichmeyer und Grannemann sorgen sich um die Handball-Zukunft ihrer Vereine. Allein deshalb wenden sie sich nun hörbar an die Öffentlichkeit. Als Hilfe- und Weckruf beschreibt Eichmeyer das Ansinnen: „Wir haben nicht mehr viel zu verlieren. Wir wollen zeigen, dass es uns noch gibt“. Er wirbt für den Handball bei H2. „Hier soll jeder spielen können, der will. Die Leistung soll nicht im Vordergrund stehen“, sagt der Hartumer und benennt seine Erkenntnis der vergangenen Jahre: „Wir müssen aufhören, Spieler hin- und herzuschieben.“ Heimat und Identität seien wichtig. Auch im Handballsport.

 

(Quelle: Mindener Tageblatt, Nr.90, 18.April 2018)